Sonntag, 26. Oktober 2014

Gemütlich shoppen

Eine Glosse. (Ein bisschen erlebt. Ein bisschen fiktiv. Ein bisschen absurd.)


Es ist Samstagmorgen und heute steht das Unvermeidliche an: Shopping.

„Bestell doch im Internet, das ist doch viel gemütlicher“, ruft Herr Sonnengereift aus dem Lesesessel. Die Füße in dicke Filzpantoffel gepackt und den Controller in den Händen, sitzt er da glücklich zerzaust und schiebt lustige grüne Männchen über den Bildschirm.

Ich werfe einen zweifelnden Blick aus dem Fenster und beschließe, dass mich Nieselregen und bedrohlich schwankende Bäume nicht abhalten werden. Im Internet bestellen ist ja schön und gut. Mache ich oft genug. Aber …

„… ich brauche eine neue Jeans“, erkläre ich Herrn Sonnengereift.

Und Jeans und ich … na ja … sagen wir: Es ist kompliziert. Die Mistdinger wollen oft nicht so wie ich will. Sind sie unten lang genug, dann sind sie oben oft zu weit. Sind sie oben eng genug, dann sind sie unten zu kurz. Da kann face-to-face-Beratung nicht schaden.

Eine Stunde später stehe ich in einem angesagten Laden einer Seitenstraße. Eine Verkäuferin, die aussieht wie Gülcan von Viva, begrüßt mich mit den Worten „Na, geht alles fit“. Ich nicke unsicher und wende mich der erschlagenden Auswahl an Hosen zu. Mein Gott, das muss man ja studiert haben. Mit zusammen gekniffenen Augen versuche ich Modelle, Schnitte und Waschungen zu differenzieren. Da steht Gülcan schon neben mir und erzählt mir etwas von „Röhre“, „Slim“ und „Skinny“. Sie hält mir entsprechende Modelle in Puppengröße vor die Nase, um dann eine Begriffsabgrenzung zu „Straight“ vorzunehmen.

In der Umkleidekabinen quetsche ich mich fluchend in die hautengen Beinpressen. Wie in drei Teufels Namen soll ein menschliches Wesen da rein passen? Gülcan scheint ganz verwirrt darüber, dass mir ihre Lieblinge nicht passen. Ein lustiger Effekt übrigens bei Skinny: Ist die Beinpresse zu kurz, bekommt man sie gar nicht mehr hochgezogen. Ich albere vor dem Spiegel herum und rede etwas von „Baggy-Look“, doch darüber kann Gülcan überhaupt nicht lachen.

Im nächsten Laden treffe ich auf einen Taschenhalter. Schon mal einen Taschenhalter gesehen? Ganz klassisch ist er männlich, hält die Tasche seiner Frau/Freundin fest und steht dabei wie paralysiert in einer Ecke oder noch besser: mitten im Gang. Spricht man ihn an mit den Worten „Kann ich mal bitte vorbei“, reagiert er zunächst einmal nicht. Wichtig: Laut, deutlich und mit Blickkontakt, eventuell mit einer vorsichtigen Berührung an der Schulter kontaktieren. In der Regel macht der Taschenhalter dann einen schlafwandlerischen Schritt zur Seite.

Nach einem weiteren jeansmäßigen Misserfolg, flüchte ins nächste Café und lasse mich mit einem erleichternden Seufzer an einem Tisch nieder. Neben mir sitzen Vater und Tochter. Sie circa 16 Jahre alt, er mit angegrauten Schläfen, beide tragen hippe Ray Ban-Brillen. Tochter erzählt Vater von Beziehungsproblemen mit ihrem Ex-Freund und zieht zur Veranschaulichung das Smartphone hervor. Es folgt eine zehnminütige Lesung sämtlicher Whats App-Chats aus vergangenen Wochen. Entnervt schütte ich meinen Tee runter und lasse mich mit dem letzten Schluck aus der Seitengasse in die Haupt-Shopping-Meile spülen.

Es ist – der blanke Wahnsinn. Menschen. So viele Menschen. Drücken. Schieben. Rempeln. Stoßen. Irgendwie gelange ich in den Laden, in dem ich meine letzten Chance auf eine Jeans wittere: Pete & Beklopptenburg.

Was sich dort drinnen abspielt, lässt sich mit Worten kaum beschreiben. Ein DJ tippt mit irren Slow-Motion-Moves auf seinem Mac herum. In der Jeans-Abteilung kommen gleich zwei Verkäufer auf mich zu gerannt. Sie sieht aus wie Gülcan von Viva, er teilt ihre Liebe zu Skinny. Sie greift mir an die Taille, er schreit gegen die Musik: „Mit der Figur ist alles tutti frutti“. Die beiden reißen Röhren, Slims und Straights aus dem Regal – tanzend zum Beat.

Am Wühltisch hinter mir – 75 Prozent auf alles! – streiten sich zwei Glätteeisen-Teenies um eine Skinny. Das Objekt der Begierde reißt in der Mitte entzwei. Ich lasse Gülcan II und ihren Begleiter stehen und eile Richtung Ausgang. Auf der Rolltreppe steckt ein wütender Mob fest. Menschen hängen mit einem Arm am Geländer und baumeln mit den Beinen in der Luft. Sie strecken mir hilfesuchend die freie Hand entgegen.

Als ich endlich zitternd auf der Straße stehe, zünde ich mir die erste Zigarette nach fünf Jahren an. Ich will nachhause auf die Couch zu den Filzpantoffeln und dem Lesesessel.

Als ich eine halbe Stunde später unverrichteter Dinge durch die Wohnungstür komme, sitzt Herr Sonnengereift noch genauso zerzaust im Wohnzimmer und jagt immer noch lustige grüne Männchen über den Fernseher.

Erleichtert lasse ich mich auf die Couch fallen. Mein Gott, ist die gemütlich. Ich greife mir den Laptop, rufe eine Shopping-Seite auf und klicke nach fünf Minuten auf dem Button „In den Warenkorb legen“.

Kommentare:

  1. Sehr witzige Geschichte!

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  2. Irgendwie kommt mir da so einiges bekannt vor!!! :-D
    Süsse Geschichte, Michaela

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  3. Besten Dank ihr beiden und schön, dass ihr vorbei geschaut habt!

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  4. Geht also nicht nur mir so. ;-))) Witzig und schön geschrieben und die Illu ist großartig!!! Ich schau jetzt öfter bei Dir vorbei.
    Liebe Grüße
    Sonja

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    1. Schön zu hören, dass es auch anderen so gehen kann beim shoppen. Und besten Dank für das, was du über meine Zeichnung sagst. Ich bin ein großer Fan deiner Bilder.

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