Montag, 1. September 2014

Zwiegespräch mit einem Karpfen

Eine Kurzgeschichte für Bine's Short-Story-Aktion. Thema: Urlaub. In meiner Geschichte geht es um unseren Urlaub in Österreich vor einigen Jahren. Oberstes Ziel war "mal richtig ausspannen". Aber Fluss-Schnorcheln stellte sich dafür nicht unbedingt als die richtige Methode raus. Und los geht's mit der Geschichte. Zuvor noch eine kleine Illu, ohne geht's nicht :-) 

© sonnengereift

„So, ihr zwei Hübschen, dann sucht euch mal zwei Neoprenanzüge aus“, dröhnt es durch die Halle. 

Der Tauchlehrer hat sich mit all seiner beeindruckenden Bierbäuchigkeit hinter uns aufgebaut und deutet in Richtung Garderobe. Die „zwei Hübschen“, das sind Herr Sonnengereift und ich. Und wir befinden uns mitten in Österreich, irgendwo im Salzkammergut. Von „hübsch“ kann heute allerdings nicht die Rede sein. Ich habe Mallorca-Akne und bereits eine schwere morgendliche OP vor dem Badezimmerspiegel hinter mir.


Keine zehn Minuten später – mein Gott ist so ein Neoprenanzug widerspenstig – stehe ich zwecks Trockenübung im hüfthohen See. Kurzeinweisung ins Flussschnorcheln. Training für den Ernstfall. Wir sollen mit dem Schnorchel komplett unter die Wasseroberfläche und beim Hochkommen à la Free Willy eine Fontäne ausstoßen. Ich meistere das Sicherheitstraining mehr schlecht als recht und stelle fest, dass ich hier die einzige Frau bin. Das macht mich skeptisch.

Wir juckeln in einem alten VW-Bus durch den Wald zum potentiellen Tatort, dem Fluss, an dem es passieren soll. Unser Routenführer ist Beifahrer und 16 Jahre alt. Beruhigend. Ob der im Ernstfall anpacken kann?

„So viel zum Thema erste Hilfe“, zische ich Herrn Sonnengereift zu.

Und dann stehe ich auch schon an einer waldigen, circa vier Meter hohen Klippe, unter mir ein Fluss mit ordentlichem Fahrwasser.

„Springen oder klettern“, ruft der Sechzehnjährige.

Ich entscheide mich für letzteres und bete, dass sich Herr Sonnengereift beim Sprung ins Wasser nicht den Schädel an einem Stein aufschlägt. Umständlich rutsche ich die letzten Meter des Hangs auf dem Hintern.

Die Strömung überrascht dann doch. Immer wieder müssen wir zerklüftete, steinige Engpässe überwinden. Anweisung: Arme lang nach vorne strecken, das schützt den Schädel vor den Felsen und dann „einfach treiben lassen“. Mich spült es an einen Felsen und ich klebe wie eine hilflose Fliege mit gespreizten Vieren daran fest. Der Rest der Truppe zieht elegant an mir vorbei. Herr Sonnengereift winkt mir aufmunternd zu.

„Geil, oder?“, ruft er gegen das Getöse, als ich schließlich prustend neben ihm ankomme.

„Also die Strömung hat mich dann doch ein bisschen – “, eine Welle verschluckt den Rest meines Satzes.

Das Ende der Mission lässt sich schnell zusammenfassen: Strömung, Wasser, ganz viel Wasser, beschlagene Taucherbrille, nochmal Wasser und zwar im Schnorchel, Husten und Steine. Immer wieder diese verdammten Steine. Das Spektakel endet in einem ruhigen Flussbecken.

„Hier gibt’s Karpfen“, wienert der Sechzehnjährige.

Ich tauche unter und blicke direkt in zwei trübe, verständnislose Fischaugen.

„Was wollt ihr hier eigentlich?“, scheint der Karpfen mich zu fragen.

„Ausspannen“, blubbere ich. 


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Kommentare:

  1. Eine herrliche Geschichte! Und dank Deines wunderschönen Bildes konnte ich mir die Situation mit dem Karpfen auch wunderbar vorstellen.

    Toller Short Stories-Beitrag! Ich freue mich, Deinen Blog auf diesem Weg gefunden zu haben.

    Liebe Grüße
    Nicole

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    1. Hey, eine neue Leserin! Das freut mich :-) Herzlich willkommen bei mir. Und schön, dass dir die Geschichte gefällt. War echt eine schräge Situation da im Fluss aber super Stoff für eine Geschichte. Wäre nur nie drauf gekommen, das zu verwursten, wenn Bine nicht das Fernweh-Thema ausgesucht hätte. Dann schaue ich auch mal bei dir vorbei, bin gespannt. Bis bald!

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  2. Ohhh du hast mir den Tag versüßt mit der Geschichte :D
    Stell ich mir auch nicht so perfekt vor zum Ausspannen, aber ausprobieren muss man ja alles mal :D

    Freu mich immer, dass ich durch die Short Stories neue Blogs kennenlerne.. :) Mein Post wird heute Abend endlich fertig gestellt.. :D
    liebe Grüße,
    Nadja

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    1. Noch eine neue Leserin! Wie schön! Fühl dich hier wie zu Hause. Ja, die Blog-Aktionen sind schon toll, um neue Blogger kennenzulernen. Dann bin ich mal gespannt auf deinen :-)

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