Mittwoch, 24. September 2014

Manchmal muss es einfach rumsen

Nicht erschrecken, eine neue Rubrik: die Glosse. Heißt: Ausgehend von kleinen Erlebnissen aus meinem Leben oder Wahrheiten und Fakten über das Leben steigere ich mich in eine fiktive Geschichte ad absurdum rein. Hier geht's manchmal lustig zu, manchmal ironisch und manchmal richtig fies. Los geht's mit Nummer eins unter dem Titel "Manchmal muss es einfach rumsen".


© sonnengereift

Es ist ein Samstagmorgen wie jeder andere, doch er soll mein Leben entscheidend verändern! Mein Gott, das könnten ja die einleitenden Worte für einen phänomenalen Artikel sein, denke ich. Soeben habe ich die Erkenntnis meines Lebens bekommen und alles dank Ausgabe vier meiner aktuellen Lieblingszeitschrift, der „Free“.


„Ab jetzt gehe ich mit Akzeptanz durchs Leben“, verkünde ich Herrn Sonnengereift zwischen zwei Bissen Marmeladenbrötchen. Der ganze Ärger, der sich im Alltag anstaut, die nervigen kleinen Hindernisse oder unliebsame Mitmenschen – Eine akzeptierende Grundhaltung gegenüber dem Leben kann hier entscheidend zum Seelenfrieden beitragen. Genauso steht’s in der „Free“. Ich lege Herrn Sonnengereift diesen Sachverhalt detailliert nieder, während er in seiner Fachzeitschrift für Informatik blättert.

„Und deshalb läuft eigentlich alles immer wieder auf das eine hinaus: Akzeptanz“, schließe ich mein Plädoyer. Ein schöner Schlusssatz übrigens, denke ich und klopfe mir im Geiste auf die Schulter.

„Schön mein Schatzi“, sagt Herr Sonnengereift und schlürft an seinem Kaffee.

Beschwingt von seinen zustimmenden Worten mache ich mich leichtfüßig auf, um mich in den stressigen Samstagmorgen-Rummel der Einkaufsstraße zu werfen. Ach was, von wegen stressig! Ich werde mich treiben lassen, denn ich habe ja jetzt meine neue Busenfreundin dabei: Die Akzeptanz.

Hach, wie werden wir uns das Leben schön machen. Ich kann sie regelrecht vor mir sehen, die Akzeptanz. Richtig menschlich sieht sie aus. Immer ein Lächeln auf den Lippen, einen fliederfarbenen Sommerhut auf rötlichen Locken und Sommersprossen auf einer kleinen Stupsnase.

Wir radeln nebeneinander her und halten vor einem Secondhandladen. Umständlich fummle ich meine schwere Tasche mit dem alten Wintermantel und diversen anderen textilen Schätzen vom Gepäckträger.

Die rundliche Ladenbesitzerin mustert mich beim Eintreten mit zusammen gekniffen Augen.

„Hallo, ich wollte fragen, ob sie sich vielleicht einmal diese Sachen –“, setze ich an.

„Annahme nur dienstags abends! Sehen Sie nicht, wie viel Kundschaft ich hier samstags habe!“, fällt mir die Rundliche grob ins Wort.

So eine blöde Alte, denke ich und will empört auffahren –

„Na, wer wird denn hier direkt von „der Alten“ reden“, flüstert mir meine neue Freundin, die Akzeptanz, ins Ohr und schüttelt mit einem milden Lächeln ihr Haupt, dass die Locken nur so fliegen.

Ich atme einmal tief durch. „Wo du recht hast …“, stimme ich ihr mit gedämpfter Stimme zu. Wir haken uns unter und verlassen giggelnd den Laden. Draußen vor der Tür wirft uns ein Herr mit Hut einen merkwürdigen Blick zu, was die Giggelei noch steigert.

Ich hieve die schwere Tasche wieder aufs Rad, hieve sie vor einem Bioladen wieder herunter, hieve sie in den Bioladen, schleife sie an der Kasse zwischen den Beinen Schrittchen für Schrittchen vorwärts, während mir von hinten ein Achtjähriger DREI Mal in die Hacken tritt. Aber was soll’s! Ein Blick auf meine neue beste Freundin, die Akzeptanz, und alles erscheint im Lichte liebevollen Chaos. Ein ganz normaler Samstagmorgen eben, denke ich, hieve die Tasche wieder auf den Gepäckträger und stelle noch eine volle Einkaufstüte oben drauf.

„Sie wissen schon, dass Ihr Rad nen Platten hat!“, sagt eine Stimme neben mir. Ich drehe mich um und stehe vor einem feisten Herrn mit abtörnendem Oberlippenbart. Mit einem dicken Finger zeigt er auf … meinen kaputten Reifen.

„Verdammte Sch–“, will ich ansetzen und blicke gerade noch rechtzeitig in die himmelblauen Augen meiner neuen Freundin, der Akzeptanz. Wissend lächelt sie mich an.

„Ach, was soll‘s“, sage ich leichthin. „Dann schieben wir eben.“

Vor der Haustür werfe ich noch einen Blick in den Briefkasten.

„Post vom Finanzamt“, murmle ich und trete einen Schritt zurück. Mein rechter Fuß landet mitten in einem niegelnagelneuen Heute-extra-frisch-für-Sie-Hundehaufen.

„Verdammte Scheiße!“, entfährt es mir jetzt endlich. Angeekelt beäuge ich das Elend.

„Na, wer wird denn da gleich –“, will meine Begleiterin sanft loslegen, doch jetzt muss ich das glockenhelle Stimmchen doch mal unterbrechen.

 „Weißt du, was ich dir die ganze Zeit schon sagen will?“, fahre ich sie an.

Ihre himmelblauen Augen schauen mich erstaunt unter ihrem fliederfarbenen Sommerhut an. Das scheiß Ding sitzt ja nahezu perfekt auf diesen scheiß rötlichen Löckchen, denke ich. Da fällt mir wieder ein, dass ich ja eigentlich etwas sagen wollte.

„Also, was ich dir schon die ganze Zeit sagen will“, setze ich wieder an und muss einen Moment überlegen. Aber dann gebe ich es ihr richtig:

„Flieder auf Rot beißt sich!“

Und mit einem lauten Rums knalle ich ihr die Haustür direkt vor der Nase zu.





Kommentare:

  1. So, jetzt aber! Jetzt komme ich endlich dazu, Dir zu schreiben. Schon seitdem die kleine, wunderbare Geschichte online ist, lese ist sie - immer wieder und immer wieder gerne. Sie ist wunderbar geschrieben und SO wahr. Alleine schon der Beginn am Tisch: das könnte eine Szene aus meinem Leben sein (nur das mein Mann selten Informatikmagazin in Papierform liest, sondern die digitale Version).

    Bitte, bitte mehr davon!

    Wünsche Dir ein wunderschönes Wochenende - mit oder ohne Deine neue Freundin mit dem merkwürdigen Farbgeschmack. ;-)

    Liebe Grüße
    Nicole

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    1. Freut mich :-) Ja, Akzeptanz und Achtsamkeit sind schon was wunderbares, allerdings ist es leider nicht immer so einfach, wie es momentan in so vielen Lifestyle-Magazinen zu lesen ist. Das Thema wird ja ziemlich gehypt.

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