Dienstag, 17. Juni 2014

Lieselottes Enttäuschung

Ein Schätzchen vom Flohmarkt / © sonnengereift

Diese Nachttischlampe habe ich auf dem Flohmarkt gefunden. Wie viele Besitzer das gute Stück wohl schon hatte? Ich stelle mir vor, dass es über eine Haushaltsauflösung auf dem Flohmarkt gelandet ist. Diese Geschichte könnte das Lämpchen erzählen:

Seine Vorbesitzerin hieß Lieselotte. Lieselotte bewohnte bis zu ihrem Tod eine Dreizimmer-Altbauwohnung in einer ruhigen Seitenstraße, zentral gelegen. Jeden Morgen ging sie zu ihrem Briefkasten, um mit dem mittlerweile so vertrauten Gefühl von Enttäuschung wieder zum Frühstückstisch zurück zu kehren. Die Enttäuschung war Lieselottes ewiger Begleiter. Zum ersten Mal Bekanntschaft machte sie mit der Enttäuschung als sich ihr Verlobter Friedrich freiwillig zur Front meldete. Damals machte es sich die Enttäuschung gemütlich in Lieselottes Bauch. Und blieb.

Anfangs schrieb Friedrich regelmäßig. Erzählte von Kameraden, die fielen, sich verletzten, desertierten. Dann kam nichts mehr. Und Lieselotte wartete. Sie wartete jeden Morgen am Frühstückstisch und starrte auf Friedrichs unberührtes Gedeck. Sie starrte aus dem Fenster und wartete auf den Briefträger. Sie starrte auf die Wohnungstür, die sie ihrem Nachbarn Herrn Mundholz vor der Nase zuschlug. Jeden Abend starrte sie vor dem Schlafengehen auf Friedrichs Foto. Wie er da mit stolzer Brust in seiner Uniform in die Kamera lächelt, verwegen, bereit für ein Abenteuer. Dann löschte sie das Licht ihrer kleinen Nachttischlampe und Friedrichs Lächeln begleitete sie in paar traumlose Stunden des Vergessens.

Bleistift, Tusche. 

Was für tolle Sachen ich heute entdecke! Bei Frau Wien könnt ihr bei der Sommerpost mitmachen. Ein ganz wundervolle Idee, finde ich. 

Kommentare:

  1. Ein toller Blog! Aber vielleicht hat Lieselottes Leben ja einen ganz anderen Verlauf genommen? Vielleicht war es ja so:
    Lieselotte brachte die kleine Lampe zu Helene, der Untermieterin, die ihre alten, nicht mehr gebrauchten Dinge immer zum Markt am Flussufer trug. Sie strich noch einmal über den rauhen Lampenschirm. Aber nun, wo sie endlich zu Friedrich würde umziehen können - was brauchte sie das alte Lämpchen da noch? Im Möbelhaus hatten sie sich ein schönes Schlafzimmer aus Kirschbaumholz ausgesucht und ein Paar elegante elfenbeinfarbene Lampen auf schmalen Fuß dazu. In ihren Träumen hatte sich Lieselotte immer ein solch herrliches Zimmer ausgemalt. Sie pustete noch schnell von oben den Staub von der Glühbirne und setzte die Lampe dann behutsam auf dem Fußboden vor Helenes Türe ab. Als sie über die knarzenden Holzstufen der Treppe wieder zu ihrer Wohnung hinauf stieg, wandte sie sich noch einmal um.....
    Was meinst du?
    Liebe Grüße aus der Heimat!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Wunderschön! Falls die Theorie, dass ein und derselbe Menschen verschiedene Leben in parallelen Universen lebt zutrifft, wünsche ich mir, dass Lieselotte auf jeden Fall deine Version erlebt hat. Deine Beschreibung ist nebenbei bemerkt sehr stimmungsvoll.

      Löschen